Abgeschlossene Dissertationsprojekte:
Hanne Janssens: Von Müll und Menschen. Ökologische Imaginationen in deutschsprachiger Erzählprosa der Gegenwart (Universität Gent; Co-Supervisor mit Benjamin Biebuyck u. Mitglied der Doktoratskommission).
Erfolgreich abgeschlossen im März 2024
Charlotte D’Eer: Transnational Emotional Networks. Women Editors in the German-Language Periodical Press (1740-1920) (UGent; Co-Supervisor m. Marianne Remorteel)
Erfolgreich abgeschlossen im Juni 2020
Warda El-Kaddouri: Islam und Selbstkonstruktion im Werk von Navid Kermani, Abbas Khider und Sherko Fatah (Universität Gent, Mitglied der Doktoratskommission)
Erfolgreich abgeschlossen im Juli 2019.
Jules De Doncker: From cause célèbre to Microhistory. Toward a History of Synchronic History-Writing (PhD project at UGent, Co-Supervisor m. E. Amann) Erfolgreich abgeschlossen im November 2017.
Fiona Gunst: „Glückliche Augen? Visualität in Ingeborg Bachmanns Simultan-Band“ (Joint PhD/ Dr. phil. Universitäten Gent und Bern, Co-Supervisor m. Y. Elsaghe)
Erfolgreich abgeschlossen im September 2017.
Elif Şimşek: Elif Shafak and Emine Sevgi Özdamar: Nomadic Journeys, Diasporic Inscription, and the Language of the Other (Joint PhD Universitäten Gent und Salzburg, Co-Supervisor m. C. Longman u. R. Poole).
Erfolgreich abgeschlossen im September 2016.
Carolin Juliane Benzing: Verweigerung als Lebensentwurf: eine Analyse der Strukturen literarischer Verweigerung bei Robert Walser, Wilhelm Genazino und Kurt Aebli (UGent; Co-Supervisor m. G. Martens u. T. Hahn)
Erfolgreich abgeschlossen im Januar 2014.
Dissertationsprojekte in Arbeit
Liselotte VanderGucht (UGent): „Exquisite defects. Detoxing the female literary genius at the crossroads of Critical Disability Studies and Neurophenomenology“ (Co-Supervisor mit Gunther Martens und Stijn Vanheule, beide UGent)
Genialität und Virtuosität sind (schon der Etymologie nach) in der (deutschsprachigen) Literatur- und Kunstgeschichte stark mit Männlichkeit verknüpft, während weibliche Abweichung von der Norm nur in beschränktem Maße gewürdigt bzw. geduldet wird. Das normdurchbrechende Verhalten männlicher Genies interpretiert man gemeinhin als im Namen des Talents zu entschuldigende Begleitphänomene oder sogar „strokes of genius“, während Unkonventionalität und Experimentalität bei Künstlerinnen eher dazu führte, dass letztere stigmatisiert, pathologisiert und sogar institutionalisiert wurden. Neuere methodologische Zugänge wie die Neuroästhetik führen zwar dazu, dass auch bei männlichen Autoren wie Gustave Flaubert und Franz Kafka die Besonderheit der literarischen Ausdrucksfähigkeit mit Mustern des Savantismus oder der Neurodiversität (hier als einer neurologischen Verschiedenheit im Gehirn definiert, mit Blick auf mentale Funktionen und in einem nicht-pathologischen Sinn) in Verbindung gebracht wird; aber auch hier finden Autorinnen nach wie vor weniger Berücksichtigung.
Das Projekt setzt es sich zum Ziel, sich der literary disability studies bzw. der neueren Forschung zu embodied cognition zu bedienen, um die Art und Weise zu analysieren, wie Neurodiversität (z.B. Legasthenie, Besonderheiten im Bereich von sensory processing und heutzutage eher als Autismus-Spektrum-Störung oder Hochbegabung diagnostizierte Hyperästhesie) in der Literatur und in den Ego-Dokumenten von Autorinnen auftauchen, deren Kreativität in ihrer eigenen Zeit anhand von stärker psychopathologisierenden Deutungsmustern rezipiert worden sind. Im Fokus der Arbeit stehen Franziska zu Reventlow, Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek. Es ist nicht die Absicht, die Autorinnen aufgrund ihrer Texte oder Biographie einer Diagnose zu unterziehen. Vielmehr will das Forschungsprojekt zeigen, dass konzeptuelle Tools aus dem Bereich der Neurophänomenologie und der literary disability studies als heuristischer Zugang zur Ästhetik der vorliegenden Literatur produktiv gemacht werden können. Dabei wird auf Merkmale wie Wortspiel und Synästhesie bzw. auf die visuelle Qualität der Sprache sowie narrative Elemente fokussiert. Gleichzeitig soll der normalisierende Impetus aktueller Konzeptualisierungen in der Konfrontation mit Autorinnen, die den Druck gesellschaftlicher Stigmatisierung am eigenen Körper erfahren haben, auf eine DSM-V-kritische Weise reflektiert.
Schließlich ist es die Absicht, die Frage zu beantworten, warum der heutige Kanon Strategien der behavioristischen Narration und des prozeduralen Schreibens als Wahrzeichen männlicher Genies betrachtet, während diese mit Blick auf das weibliche Schreiben weiterhin vernachlässigt oder als unnatürlich eingestuft werden. Ging man früher davon aus, dass Neurodiversität vor allem als geistige Behinderung in Erscheinung trat und im Falle von z.B. autistischen Störungen Jungen bzw. Männer drei- bis viermal häufiger als Mädchen bzw. Frauen betroffen waren, so hat sich die Diagnostik seit DSM-V erheblich geändert. Zum einen wird die Korrelation zwischen überdurchschnittlicher Intelligenz und dem Vorkommen von Entwicklungsstörungen verstärkt in den Blick genommen, was zu dem Befund von „exquisite defects“ auch im literarischen Bereich Anlass geben kann. Zum anderen meldet sich im Rahmen des neuroqueer-Aktivismus immer ausdrücklicher eine Gruppe von Frauen zu Wort, die ihre Diagnose erst im fortgeschrittenen Alter erlangt haben. Somit wird deutlich, dass Frauen nach wie vor ein stärkeres masking ihrer Neurodiversität abverlangt wird. Anhand des skizzierten, zweifachen methodologischen Blickwinkels kann, so die These, eine neutralere Terminologie dafür entwickelt werden, wie aus zwar sehr kleinen physiologischen Unterschieden große kulturelle Differenzen entstehen können.
Kontakt: liselotte.vandergucht@ugent.be
Daniela Dora (Cambridge/UGent): Den Anderen kennenlernen. Zeitgenössische Indientexte im Diskursfeld des modernen Tourismus (Joint Ph.D., Universitäten Gent und Luxemburg, Co-Betreuer: Dieter Heimböckel)
Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit einem von der Literaturwissenschaft bisher wenig beachteten Gegenstand: dem Wechselverhältnis zwischen literarischem Diskurs und verschiedenen konzeptuellen Modellen des Tourismus. Bisher sind kunst- und literaturwissenschaftliche Untersuchungen des Phänomens Tourismus noch eine Seltenheit, blieb dieses Forschungsfeld doch lange Zeit den sozialwissenschaftlich orientierten Disziplinen überlassen. Das geplante Dissertationsvorhaben will sich mit der aktuellsten Form des Reisens, dem modernen Tourismus in der postkolonialen Welt im ausgehenden 20. Jahrhundert und am Beginn des 21. Jahrhunderts, beschäftigen. Es stehen ausschließlich Darstellungen von Indien – einem Land, das bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zum paradigmatischen Ort der (deutschen) Sehnsucht nach der Fremde wurde, aber auch als Mustererzählung für die weltweite Tourismusentwicklung fungiert – im Zentrum der Arbeit. Das Textkorpus besteht aus literarischen und nicht-literarischen Werken von Autoren wie Josef Winkler, Martin Mosebach, Ilija Trojanow, Hans Christoph Buch und Felicitas Hoppe, die Erfahrungen touristischen Reisens zum Gegenstand haben. Von besonderem Interesse für das Projekt sind die intensiven Wechselwirkungen zwischen Tourismus und Postkolonialismus. Innerhalb der Schnittflächen literarischer und sozialwissenschaftlicher Diskurse widmet sich die Untersuchung in erster Linie den Aspekten von ‘Fremdheit‘ und von – sozialer, kultureller, ethnischer, geschlechtsspezifischer sowie sexueller – Differenz.
Kontakt: daniela.dora@ugent.be